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Wirre Wahlkampf-Widersprüche: Scholz in der Angst-Falle
Wirre Wahlkampf-Widersprüche: Scholz in der Angst-Falle
Dienstag, den 11. Januar 2011 um 14:28 Uhr

Je näher die Bürgerschaftswahl kommt, desto klarer wird: SPD-Spitzenkandidat Scholz will keine Stadtbahn in Hamburg – zu teuer, zuviel Widerstand in der Bevölkerung! Die wahren Gründe sind aber offenbar ganz andere.
Noch nie hatte sich der bekennende Autoliebhaber so deutlich gegen das erdölunabhängige und allgemein anerkannte Verkehrsmittel gestellt und damit sogar den amtierenden Bürgermeister Ahlhaus rechts überholt.
Gleichzeitig offenbarte Scholz unfreiwillig, dass die Hamburger SPD gedanklich noch immer in den 60er Jahren fest zu hängen scheint - mit rauchenden Fabrikschloten, Vollbeschäftigung und bedingungslos autogerechten Innenstädten – rückwärtsgewandt gefangen in der Vergangenheit. Zukunftsfähig? Visionen für eine moderne Großstadt? Fehlanzeige!
Die Argumente der SPD, dass die Stadtbahn Geld kostet und von vielen Hamburgern nicht gewollt ist, stimmen zwar – trotzdem scheinen sie nur vorgeschoben, um sich möglichst schnell von einem ungeliebten Projekt verabschieden zu können, das nicht ins veraltete ideologische Bild der SPD, bzw. ihres Spitzenkandidaten passt. Denn bei anderen Themen gehen die Sozialdemokraten mit Finanzen und dem Bürgerwillen wesentlich sportlicher um.
Drei Beispiele:
- Kostendebatte 1:
Während Scholz in den letzten Monaten immer wieder beteuerte, dass die Stadtbahn nicht finanzierbar sei, überraschte er am 6.1.2011 bei "Hamburg 1“ mit dem Wahlversprechen, die Kita-Gebühren in Hamburg abzuschaffen. Wörtlich sagte er: "In ganz Europa geht das kostenlos. Da kann es nicht sein, dass in der reichsten Stadt Europas so viel Geld gezahlt wird.“
Interessant. Die reichste Stadt Europas hat seiner Ansicht nach genügend Geld für eine kostenlose – und unstrittig sinnvolle – Kinderbetreuung übrig (mind. 100 Mio. pro Jahr). Gleichzeitig ist es der reichsten Stadt Europas aber angeblich nicht möglich, ein Verkehrssystem zu bauen, welches inzwischen in jeder europäischen Metropole existiert und das dem Hamburger Haushalt pro Jahr gerade mal ca. 15 Mio. Euro kosten würde?
Merkwürdige Logik! - Kostendebatte 2:
Olaf Scholz sorgt sich um die Sicherheit der Fahrgäste im Hamburger Nahverkehr und kündigte am 7.01.2011 an, dass künftig alle U- und S-Bahnhöfe in Hamburg mit Personal besetzt werden sollen, um Gewalttaten einzuschränken.
Auf den ersten Blick keine schlechte Idee. Beim genaueren Hinsehen, entpuppt sich der Vorschlag aber als teures Placebo. Würde man nämlich tatsächlich alle 149 Hamburger Bahnhöfe mit jeweils zwei Aufpassern versehen, würde das - bei einem Stundenlohn von 5 Euro - pro Jahr 21,5 Mio. Euro kosten. Selbst beim konsequenten (und aus sozialer Sicht fragwürdigen) Einsatz von 1-Euro-Jobbern käme man noch immer auf jährliche Personalkosten von knapp 5 Mio. Euro.
Gleichzeitig dürfte der Nutzen dieser Maßnahme sehr gering sein. Den brutalen Mord am Jungfernstieg hätten zwei 1-Euro-Jobber, die möglicherweise gerade am anderen Ende des Bahnsteigs stehen, vermutlich auch nicht verhindern können. Selbst die Hochbahn hält die SPD-Idee für sinnlos.
Fazit: Scholz würde, ohne mit der Wimper zu zucken, pro Jahr 5-21 Mio. EUR für eine zweifelhafte Maßnahme ausgeben. Gleichzeitig hält er aber die jährlichen Haushaltskosten für den Bau der Stadtbahn in Höhe von 15 Mio. für unbezahlbar. - Widerstand der Bürger:
Auch dieses Argument bemüht Herr Scholz gern: „Ich baue keine Stadtbahn gegen die Mehrheit der Hamburger."
Prinzipiell ein logisches Argument, das aber einen merkwürdigen Beigeschmack bekommt, wenn Herr Scholz im Zusammenhang mit anderen Themen am 6.1.2011 im Hamburger 1-Interview sagt: „Man muss sich als Politiker gegen Widerstände durchsetzen.“
Was denn nun, Herr Scholz? Und warum hatte die SPD 1978 keine Bedenken, die damalige Straßenbahn gegen den erklärten Volkswillen abzuschaffen?
Der wahre Grund für die Beerdingung der Stadtbahnpläne liegt scheinbar ganz woanders:
Die SPD hat Angst! Angst vor dem vermeintlichen Wählerwillen, der angeblich keine Stadtbahn wünscht. Und die SPD braucht Geld! Viel Geld!
Allein die Wahlgeschenke, die Scholz in den letzten Wochen angekündigt hat (Kostenlose Kita, Weihnachtsgeld für Beamte, Studiengebühren weg), werden - konservativ gerechnet - pro Jahr mit mehr als 150 Mio. EUR zu Buche schlagen (Noch einmal: Die Stadtbahn kostet den Haushalt pro Jahr nur ein Zehntel!). Bisher hat der selbst ernannte „seriöse Finanzpolitiker“ nicht erklärt, woher er das Geld nehmen will.
Die Vermutung liegt nahe, dass Scholz die kurzfristigen Wahlgeschenke u.a. aus den Töpfen des Nahverkehrs finanzieren wird und der Stadt damit nachhaltig schaden würde. Ein zukunftsweisender Ausbau klimaschonender Mobilität würde so hemmungslos der Befriedigung schneller Bedürfnisse geopfert.
Die SPD muss nun aufpassen, dass sich dieses durchschaubare Manöver kurz vor der Wahl nicht zu einem ausgewachsenen Bumerang entwickelt. GAL-Spitzenkandidatin Hajduk ätzte bereits am 8.1.2011 in der taz, Herr Scholz habe offenbar keine Ahnung von einem modernen Nahverkehr, ihre Parteikollegin Fegebank warnt "Vorsicht Herr Scholz, dieser Drops ist noch nicht gelutscht", der Naturschutzbund BUND bezeichnet die Sozialdemokraten als Bremser, die dabei sind, einen Quantensprung in der Verkehrspolitik zu blockieren und selbst die SPD-nahe taz schießt ungewöhnlich scharf und bezeichnet die Äußerungen von Scholz als „rückwärtsgewandtes dummes Zeug“. Gleichzeitig zerlegt das Blatt genüsslich die Scholz-Forderung, erst die Finanzierung der Stadtbahn zu klären und dann mit der Planung zu beginnen. Scholz müsse als ehemaliger Bundespolitiker eigentlich wissen, so die taz, dass der Bund keine Blankoschecks ausstelle und erst Zuschüsse rausrücke, wenn es konkrete Planungen gäbe. In einer aktuellen Abendblatt-Leserumfrage hält eine überwältigende Mehrheit von 78% diese Kritik für gerechtfertigt.
Dazu kommt, dass die Sozialdemokraten offensichtlich übersehen, dass sie mit dem Verzicht auf die Stadtbahn eine einmalige und vom Bund geförderte Investition begraben und gleichzeitig mit üppigen Wahlgeschenken die jährlichen, regelmäßigen Ausgaben der Stadt hochjubeln. Dabei könnte die Stadtbahn, die im Betrieb günstiger ist als der Busverkehr, den Haushalt Jahr für Jahr zusätzlich entlasten.
Dieses verschwenderische Verhalten ist nicht nur grob fahrlässig sondern auch ein absoluter Widerspruch zur bisherigen SPD-Position. Noch am 12. Dezember 2010 sagte Olaf Scholz im NDR: „Ab Ende der übernächsten Legislaturperiode darf Hamburg wegen der Schuldenbremse keine neuen Schulden mehr machen. Wir können nicht bis zu diesem Zeitpunkt über unsere Verhältnisse leben und dann plötzlich Ausgaben zusammenstreichen. Das hätte auf unser Gemeinwesen nicht abzusehende Auswirkungen“.
Schön wäre es, wenn der Bürgermeisterkandidat seine eigenen Worte in Zukunft ernster nehmen würde.
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Kommentare (2)

W.K.
said:
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Die Autopartei SPD schadet Hamburg Fast scheint es als hätte die SPD schon vor vielen Jahren einen geheimen Exclusivvertrag mit dem Bus - und Luxuskarossenhersteller Daimler Benz geschlossen, etwa nach dem Motto wir erhalten Dir die Pfründe bei den Verkehrsbetrieben, dafür bekommen wir Dienstwagen. Das ist Spekulation aber einiges spricht dafür, stellt doch Daimler Benz z. B. auch den Chaosbahnchef Grube und fahren in Berlin die Politiker gerne in Autos mit Stuttgarter Zulassung. Wider besseres Wissen und trotz Überalterung des Fahrzeugparkes wurden gegen die Mehrheit der Bürger von SPD Bürgermeister Klose die letzten Straßenbahnstrecken stillgelegt als in Frankreich die ersten Städte die Straßenbahn wieder einrichteten. 1 BGM Voscherau darf sich gar nicht mehr erinnern, die Stadtbahn wieder eingeführt haben zu wollen. Früher nannte man das Gehirrnwäsche. Und der Kabinettskollege Scholz des SPD anti Eisenbahn Verkehrsministers Tiefensee unter SPD Autokanzler Schröder kann bzw. darf sich natürlich Schienenverkehr in der Stadt gar nicht vorstellen. Eine löbliche Ausnahme ist alleine der frühere SPD Fraktionsvorsitzende Elste seit er als nur noch Hochbahnchef rationale Gedanken endlich auch verbreiten darf. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Hamburger trotz aller Mängel der CDU sich nicht mit Herrn Scholz auf ein Abenteuer ungeahnten Ausmaßes einlassen. Es geht ja nicht nur um die Stadtbahn, die Herr Scholz in Wirklichkeit schon deshalb nicht will, da er das Geld bereits für die Autobahn Hafenspangen verplant hat, was ich vor der Wahl auch nicht so laut sagen würde , es geht um die Zukunft einer lebenswerten und mobilen Stadt Hamburg. Stockholm hat als Umwelthauptstadt gerade die Straßenbahn wieder in Betrieb genommen, in Hamburg reichen zur Umwelthauptstadt einige Ersatzpflanzungen für dem Straßenbau geopferte Bäume. Aber bei der Umwelt war die SPD noch nie federführend. Die Straßenbahn wurde abgeschafft, die versprochenen Ersatzbahnstrecken nie gebaut. Und wenn der Verkehr dann zusammenbricht da dank Treibstoffkosten (auch für Busse) keine Alternative zum eigenen Auto zur Verfügung steht, findet Herr Scholz nach bewährter Politikermethode sicher schnell einen Austragsposten in der von ihm geförderten Industrie. Und leider ist in Hamburg die GAL, die sich wohl aus gutem Grund von den rational denkenden Grünen bereits im Namen absetzt auch kein Garant für Zukunft und Rationalität . |
Januar 11, 2011
Eva
said:
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Immer wieder abgeschmettert: Die Lösung der Vernunft Schon vor 20 Jahren brachte ein Gutachten das Ergebnis, dass eine Neueinrichtung einer Straßen- oder Stadtbahn mit 4 Linien weniger kosten würde als 4 km U-Bahn. Ich habe damals Argumente für die Stadtbahn gesammelt, ich kam auf 28 Punkte, in denen eine Stadtbahn dem Busverkehr überlegen wäre, weiß nicht, ob ich die noch zusammenbekomme, aber kurz gesagt: Während in vielen anderen Städten neue Stadtbahnen aufgebaut wurden, teils mit pfiffigen ober- und unterirdischen Lösungen wie in Hannover oder Bonn, wird dieses Verkehrsmittel bei uns als "provinziell" abgetan. Dabei wäre eine schienengebundene nördliche Querverbindung bitter nötig, um den Innenstadtverkehr zu entlasten, würde eine Schienenbahn deutlich günstigere Personalkosten erzeugen, weil mehr Wagen angehängt werden können, als ein Bus lang sein dürfte. Die größere Laufruhe -- zum Vorteil stehender Fahrgäste --, der Emissionsschutz, die energiesparende Rückspeisung der Bremsenergie, alles das bedingt eine Überlegenheit des Schienenverkehrs. Aber offenbar gibt es eine Abmachung zur Abschaffung desselben. Das Gutachten damals hatte ein so klares Ergebnis, dass der Senat (oder wer) es in der Schublade verschwinden ließ und rasch ein weiteres in Auftrag gab, das ein anderes Ergebnis hätte haben sollen. Hatte es aber nicht. Die Schienenbahn ist die Forderung der ökologischen und ökonomischen Vernunft. |
Januar 09, 2012
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