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Bund der Steuerzahler: Stadtbahn ist keine Elbphilharmonie auf Schienen
Bund der Steuerzahler: Stadtbahn ist keine Elbphilharmonie auf Schienen
Freitag, den 19. November 2010 um 15:17 Uhr

Der Bund der Steuerzahler hat die Diskussion um die Stadtbahn auf eine neue Ebene gehoben. Bei einer Bürgerveranstaltung im Winterhuder Fährhaus kam es erstmals zu einer sachlichen und ausgewogenen Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern.
Weder die Bauverantwortlichen, noch ein Großteil des Publikums hatten mit so einer Überraschung gerechnet, war der Steuerzahlerbund doch bisher eher für stadtbahnkritische Töne bekannt.
Es blieb nicht bei der dieser einen Überraschung. Neben dem ungewöhnlichen Veranstaltungsort – er glich einer Großraumtoilette – zeichnete sich der Abend vor allem durch seine überraschend hohe Sachlichkeit aus – ein Novum in der bisherigen Stadtbahn-Debatte. Sachlich, seriös und scheuklappenfrei war das Motto, das sich der Steuerzahlerbund selbst und dem Publikum verordnet hatte.
Vor allem Prof. Dr. Arnd Stephan (Prof. für elektrische Bahnen an der TU Dresden) sorgte für frischen Wind in der festgefahrenen Debatte. Mit seiner trockenen Art ("Versuchen Sie mal, Busse im 2 Minutentakt durch Winterhude fahren zu lassen. Das ist wie ein waagerechter Paternoster – da passt kein Auto mehr dazwischen") und einfachen Faustformeln ("Ein PKW benötigt etwa 10 m² Verkehrsfläche - eine nur zur Hälfte gefüllte Stadtbahn dagegen nur 0,8 m² pro Person. Die Staus, vor denen Sie Angst haben kommen von den Autos – nicht von der Bahn!") schaffte er es sogar, den einen oder anderen Stadtbahn-Kritiker zum Nachdenken zu bewegen.
Gelegentliche laute Zwischenrufe aus dem Publikum parierte Moderator Marcel Schweitzer vom Bund der Steuerzahler gekonnt ("Es ist auffällig, dass Einige offenbar nicht an einer sachlichen Debatte interessiert sind – das gibt uns zu denken") und lenkte die Debatte immer wieder auf die zwei zentrale Themen "Kosten" und "Gibt es genug Fahrgäste für die Stadtbahn".
Der Steuerzahlerbund bat noch einmal eindringlich darum, die Kostenschätzung für die nächsten Bauabschnitte schnellstmöglich zu konkretisieren – bevor die Hamburgische Bürgerschaft grundsätzlich grünes Licht für die Stadtbahn gibt. Außerdem kündigte der Verband an, die möglichen Zuschüsse aus Berlin noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Grundsätzlich sei man aber mit der bisher vorliegenden Finanzierungsplanung zufrieden und sehe die Investition auch als eine Art Konjunkturprogramm für die Bauwirtschaft in Hamburg.
Unterstützung kam von Prof. Dr. Stephan, der darum bat, den langfristigen Nutzen der Stadtbahn mit den Kosten abzuwägen. Er verdeutlichte, dass man heutzutage gar keine Eisenbahnen mehr bauen dürfe, wenn man nur auf den kurzfristigen Gewinn achten würde. Viele Brücken, die bei Erfindung der Eisenbahn gebaut wurden und bis heute im Einsatz sind, hätten damals viel Geld gekostet. Umgelegt auf die Nutzungsdauer von 150 Jahren sei diese Investition allerdings lächerlich gering.
Ein weiteres Thema, welches vor allem die Anwohner in der Ohlsdorfer Straße bewegte, war der Schallschutz. Eine Anwohnerin fürchtete, dass der Lärm vor ihrer Haustür mit der Stadtbahn zunehmen würde und sie deswegen einen Anspruch auf passiven Schallschutz habe. Diese Angst konnte ihr Stadtbahn-Chefplaner Michael Heidrich (Hochbahn) nicht ganz nehmen.
Eine einfache Erklärung, dass die Verkehrsgeräusche mit der Stadtbahn zwar insgesamt leiser werden, aber immer noch über dem gesetzlichen Höchstwert liegen und die Anwohner deswegen Anspruch auf Schallschutz hätten, wäre wünschenswert gewesen. Immerhin profitieren die Anlieger hier doppelt von der Stadtbahn: Durch die Verbannung der Busse wird der Verkehrslärm insgesamt leiser und obendrauf bekommen die Anwohner noch einen zusätzlichen Schallschutz geschenkt.
Pluspunkte konnte Stadtbahnplaner Heidrich dagegen mit seinem Versprechen sammeln, dass die Hochbahn demnächst genaue Protokolle von Busfahrern vorlegen werde, aus denen klar hervorgehe, wie oft die Busse in Hamburg tatsächlich überfüllt sind.
Dies markiert einen weiteren großen Schritt zu mehr Transparenz und dürfte bei vielen skeptischen Bürgern positiv angekommen sein. Bleibt zu wünschen, dass der künftige Bürger-Dialog auf dieser neuen sachlich-konstruktiven Ebene fortgesetzt wird. Dies würde beiden Seiten gut tun – egal, ob die Stadtbahn am Ende kommt, oder nicht.
Das gesamte Minutenprotokoll der Veranstaltung lesen Sie hier.
Die Veranstaltung im Qualitäts-Check |
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| Zuschauer: | ca. 100 |
| Verhältnis Befürworter / Gegner: | ausgeglichen |
| Seriösität / Qualität der Veranstaltung: | 4 von 5 Sterne |
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Kommentare (6)

Westfale
said:
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... Von der Aussage Herrn Prof. Dr. Sthephans: "Versuchen Sie mal, Busse im 2 Minutentakt durch Winterhude fahren zu lassen. Das ist wie ein waagerechter Paternoster – da passt kein Auto mehr dazwischen", läßt sich eindrucksvoll ableiten, warum in den siebziger Jahren mit der Umstellung der Straßenbahn auf Busbetrieb der 'Öffentliche Personen-Nahverkehr' in Hamburg geradezu ausgetrocknet werden mußte und Hamburg zu einem 'Paradies für Autofahrer' wurde. Durch schlechten Pflegezustand von Gleisanlagen und Fahrzeugen vergraulte man möglichst viele Fahrgäste und denen, die man nicht vergraulen konnte, bot man ein letztlich erheblich reduziertes Platzangebot. Hätte man das damalige Straßenbahnsystem durch ein adäquates Bussystem ersetzen wollen, würde kein Auto mehr dazwischen gepaßt haben. Nur weil der Bus gegenüber der Straßenbahn viel leistungsschwächer war, mußte man die Straßenbahn in der öffentlichen Meinung diskreditieren, und das so nachhaltig, daß man sich heute veranlaßt sieht, die Bezeichnung 'Straßenbahn' durch 'Stadtbahn' zu ersetzen, um ja keine negativen Assoziationen zu wecken. Dabei ist die Straßenbahn (nicht 'Stadtbahn') im Grunde genommen nichts anderes als der bessere Bus: Fahrgastorientierte Verkehrsführung im Straßenbereich wie beim Bus, aber deutlich schneller, ruhiger, sauberer, komfortabler, leistungsfähiger und wirtschaflicher als der Bus. In diese Richtung sollte die Argumentation pro Straßenbahn gehen, und nicht versucht werden, siel als 'Stadtbahn' und damit als eine Art 'Billig-Schnellbahn' zu präsentieren. |
November 20, 2010
Thorsten Bartel
said:
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Straßenbahn misskreditieren Was ich damals schon nicht verstanden habe und auch heute noch nicht verstehe ist, das es in den Nachbarstädten Hannover und Bremen damals schon moderne Straßenbahnsysteme gab, mit fassungsstarken Gelenkwagen. Es kann mir keiner erzählen, das die Hamburger Bevölkerung nie mit einer damals modernen Straßenbahn in Berührung gekommen ist. Deswegen verwundert es mich bis heute, das man sich den Bären vom fassungstärkeren Bus in Hamburg hat aufbinden lassen. Hätte man es damals durchgesetzt, die Gleisanlagen der Linie 2 bis 1979 zur IVA betriebsfähig zu halten und die Bevölkerung hätte dort moderne Straßenbahnen "in action" gesehen, hätten die politisch Verantwortlichen alt aus gesehen. Es ist gut, das nun endlich mal jemand kommt, der den Hamburgern in Sachen Straßenbahn den Marsch bläst - in Dresden hat man genug Erfahrungen mit modernen Straßenbahnen. Und wenn sich auch noch der Bund der Steuerzahler für die Straßenbahn ausspricht, dann wird wohl endlich mal einigen Politikern und Bürgern bewusst, das sie das Märchen von der lärmenden, kostenfressenden, verkehrsbehindernden Straßenbahn auch in Hamburg nicht mehr erzählen können. Wollen wir es hoffen aber ich glaube erst an die Straßenbahn, wenn Sie fährt. Ich habe einen Kasten Bier gewettet, das die hamburgische Borniertheit und Inkompetenz in Sachen Straßenbahn siegen und es keine neue Straßenbahn geben wird - sollte ich diese Wette verlieren, dann ist es die erste und einzige, die ich gerne verliere. |
November 20, 2010
W.K.
said:
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Verwunderung Was mich immer wieder wundert ist, wie es bei der Elbphilharmonie zu den Kostensteigerungen kommen konnte, ohne dass z. B. der Bund der Steuerzahler einmal sein Wort erhob, wie man mit dem Bau der U 4 beginnen konnte, (erstlinig um die Stadtbahn in die Hafencity zu verhindern) obwohl jeder wußte, dass die Zahlen schöngerechnet sind. Auch hier kam damals und bis heute kein Kommentar des BdSt. Das einzige wofür es dank des Straßenbahnbaues der letzten Jahre weltweit unter vergleichbarer Randbedingungen recht gesicherte Baukostenschätzungen gibt, ist die Stadtbahn. Genau deshalb wird es dort auch die Kostenexplosion nicht geben, was übrigens z. B. Marseille oder die Umwelthautstadt 2010, Stockholm, bewiesen haben. Beide haben die innerstädtische Straßenbahn als Stadtbahn in den letzten Jahren bzw. Monaten wieder eingeführt, und zwar zu den prognostizierten Kosten. |
November 22, 2010
Andreas Durek
said:
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Stadtbahnbefürwortung Ich habe die Veranstaltung des BdSt im Winterhuder Fährhaus besucht. Die Veranstaltung war sehr interessant, wurde aber auch von den Gegnern um Herrn Wagener besucht, um Stimmung gegen das Projekt zu machen und Unterschriftslisten zu verteilen. Jeder der Gegner, der die Darstellung von Prof. Dr. Arnd Stephan (Prof. für elektrische Bahnen an der TU Dresden) verstanden hat, dürfte seine Bedenken verlieren. Aber Herr Wagener hat den wahren Grund seiner Aktion gegen die Bahn im Laufe seines Protestes verraten, in dem er sich darüber äußerte, wie schnell er mit seinem Auto die Ohlsdorfer Straße rauf und runterfahren kann. Ständig wurde von einigen Gegnern wegen der Kosten gepöbelt. Wo waren die, bei der Planung anderer Projekte in Hamburg? Es wäre ja zu verstehen, wenn die BI sich gegen den Streckenverlauf über den Winterhuder Markt/ Eppendorfer Markt stellt, da die Stadtbahn auch die U-Bahn Lattenkamp tangieren könnte. Aber darum geht es nicht. Das dringend notwendige Infrastruktur-Projekt soll ganz verhindert werden. Aus Angst, nicht mehr mit seinem Auto rasen zu können oder aus Sorge um den geliebten Parkplatz, wie auch herauszuhören war. Die Bürger, die dadurch profitieren würden, und das sind ja letztendlich nicht nur die Brahmfelder und Steilshooper, sondern später mal alle, interessierten die Gegner nicht. |
November 25, 2010
W.K.
said:
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Vorzensur Interessant ist, dass man auf der Seite des BdSt. zu den angemahnten Projekten eine Meinung äußern kann. Aber offenbar findet eine Vorzensur statt. Denn sowohl zu der auf einer falschen Datenbasis erfolgten Ablehnung der Darssbahn (MV) als auch den nahezu abstrusen Behauptungen zur Straßenbahn zum Lärchenberg in Mainz (Rheinland Pfalz) wurden die abgegebenen Kommentare vorsichtshalber nicht veröffentlicht. Warum soll das in Hamburg anders sein, aber immerhin taucht die Stadstbahn im Schwarzbuch nicht auf. |
Dezember 01, 2010
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