Freitag, 18. Mai 2012
   
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Studie belegt: Hamburg ist Stadt der Autofahrer

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Hamburg ist ein Paradies für Autofahrer. In keiner anderen deutschen Großstadt setzen sich die Bewohner so oft hinter das eigene Steuer wie in der Hansestadt. Das hat eine Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts ergeben. Der öffentliche Nahverkehr hat das Nachsehen.


Der Nahverkehr in Hamburg ist gut – aber längst nicht so gut, wie in anderen deutschen Metropolen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts im Auftrag der Hamburger Sparkasse. Darin haben Experten genau ausgewertet, mit welchen Verkehrsmitteln sich die Einwohner der deutschen Großstädte tagtäglich fortbewegen.

Demnach ist der Hamburger Nahverkehr im Vergleich der fünf größten deutschen Städte absolutes Schlusslicht – und das, obwohl die Fahrgastzahlen im HVV seit Jahren kontinuierlich steigen. Gerade einmal 19% der Hamburger pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Zum Vergleich: In München liegt der ÖPNV-Anteil bei 21%, in Frankfurt bei 24% und in Berlin sogar bei 26%.
Gleichzeitig ist die Autofahrerquote mit 43% nirgends so hoch, wie in der Hansestadt.

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Zusammensetzung des Gesamtverkehrs in den fünf größten deutschen Städten
Quelle: Haspa-Studie des Gesamtverkehr Haspa-Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, 2010


Warum lassen die Menschen in anderen Städten eher das Auto stehen?

Der hohe Autofahreranteil im Gesamtverkehr ist ein Indiz dafür, dass der städtische Nahverkehr für viele Menschen offenbar nicht attraktiv genug ist. Doch wo hakt es?

Schaut man sich die Großstädte, die einen deutlich höheren ÖPNV-Anteil haben, genauer an, fallen zwei Punkte auf:

  • Alle Städte haben – bezogen auf die Einwohnerzahl – ein deutlich engmaschigeres Schienenverkehrsnetz als Hamburg.
  • Alle Städte betreiben neben U- und S-Bahn auch ein Stadtbahnnetz (in Köln und Frankfurt kombiniert mit der U-Bahn) und vermeiden damit chronisch überlastete Buslinien.
Das führt zu folgenden Trends:

  • Je mehr Schienenkilometer ein Nahverkehrsnetz (pro Einwohner) hat, desto mehr wird der ÖPNV auch genutzt.
  • Großstädtische Verkehrsbetriebe, die wichtigen Strecken nur mit Bussen betreiben, verschenken wertvolle Fahrgastpotentiale.
  • Pendler, die die freie Wahl zwischen ihrem Auto und dem ÖPNV haben, steigen eher in Schienenverkehrsmittel um als in Busse.
Aktuelle Zahlen aus mehreren europäischen Metropolen bestätigen diese Trends:
In Paris, Marseille und Madrid sind die Fahrgastzahlen nach Umstellung von Buslinien auf Stadtbahn ausnahmslos angestiegen – teilweise sogar exorbitant.
Und auch aus Hamburg gibt es ein ähnliches Beispiel: Nach Eröffnung der Flughafen-S-Bahn vor knapp zwei Jahren haben sich die Fahrgastzahlen, im Vergleich zur bisherigen Buslinie, vervielfacht.

Umgekehrt laufen dem Nahverkehr die Passagiere weg, wenn Schienenverkehrslinien auf Busbetrieb umgestellt werden.
So hat der Hamburger ÖPNV nach Einstellung der Straßenbahn 1978 deutlich Marktanteile verloren, obwohl alle Straßenbahnlinien durch Busse im selben Takt ersetzt wurden.

Ein weiteres großes Pfund von Schienenverkehrsmitteln ist der große Anteil an "freiwilligen" Fahrgästen.
Untersuchungen haben gezeigt, dass in Stadtbahnen 50% der Fahrgäste auch andere Möglichkeiten hätten (Auto), um ans Ziel zu kommen – sich aber bewusst für die Stadtbahn entscheiden. Bei Bussen liegt der Anteil der "freiwilligen" Fahrgäste nur bei 5%.

Fazit: Stadtbahnen, bzw. Schienenverkehrsmittel locken deutlich mehr Menschen an, die sonst mit dem Auto fahren würden. Die Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts und die Erfahrungswerte aus anderen Städten  belegen also: Wenn der ÖPNV in Hamburg einen größeren Anteil am Gesamtverkehr haben möchte, muss er sein Schienennetz ausbauen.

Da der Bau von U- und S-Bahn-Strecken heute kaum noch finanzierbar ist, ist die Einführung einer Stadtbahn die einzige Möglichkeit, zum minimalen Preis möglichst viele zusätzliche Schienenkilometer zu bauen.


Warum nutzen mehr Menschen eine Stadtbahn als einen Bus?

Experten nennen dieses Phänomen "Schienenbonus". Die zahlreichen Studien und Analysen zu diesem Thema lassen sich auf drei wesentliche Punkte reduzieren:

  • Die Reisegeschwindigkeit ist bei Stadtbahnen höher, da sie schneller beschleunigen können als Busse, auf eigener Trasse an jedem Stau vorbei fahren und an Ampeln konsequent Vorfahrt haben. Untersuchungen haben ergeben, dass Fahrgäste die Stadtbahn qualitativ eher mit einer U-Bahn-Fahrt vergleichen als mit einem Bus.
  • Eine Stadtbahn bietet dem Fahrgast mehr Komfort. Mehr Sitzplätze und breitere Gänge steigern die Beförderungsqualität.
  • Schienen und Oberleitungen zeigen dem potentiellen Fahrgast deutlich, dass hier ein sehr häufig fahrendes Verkehrsmittel anzutreffen ist – sie sind eine Art Leistungsversprechen („Hier kommt bestimmt bald was vorbei!“).

Kommentare (4)add comment

Emma said:

0
Die Studie bestaetigt es nur: Her mit der Tram!
Diese Studie bestaetigt meine Sichtweise, dass das HHer Nahverkehrsnetz bei weitem nicht so toll ist wie es von eingen immer gemacht wird. Vom ehemaligen Vorreiter und Spitzenreiter in Deustchland (erster Verkehrsverbund) hat Hamburg sich nach hinten durchreichen lassen. Staedte wie Muenchen bieten mit U-Bahn und Stadt/Strassenbahn laengst ein deutlich besseres uns zielfuehrenderes Netz als Hamburg. Es wird Zeit, dass Hamburg endlich Anschluss an internationale Standards findet, und nicht mehr die einzige Millionenmetropole (in der zivilisierten Welt) bleibt, in der Fahrgaeste sogar auf stark nachgefragten Routen mit dem Bus durch die Gegend geschaukelt werden. Kurz: Her mit der Tram! Baut sie schnell und baut sie gut! Was andere koennen kann Hamburg auch.
November 12, 2010

Volker_MZ said:

Volker_MZ
Zwiespältig
Die Ergebnisse hinterlassen bei mir irgendwie einen zwiespältigen Eindruck. Beim ÖPNV sprechen wir, mal vom Ausnahmefall Berlin abgesehen, um eine Verschiebung des Modal Split um 2 oder 3 Prozentpunkte. Wesentlich deutlicher sind die Unterschiede bei den zu Fuß zurückgelegten Strecken. Das fällt besonders im Falle von Frankfurt auf, wo neben einer überdurchschnittlich hohen ÖPNV-Nutung vor allem der hohe Anteil an zu Fuß zurückgelegten strecken auffällt. Das dürfte vor allem daran liegen, dass man Frankfurt sehr verdichtet wiederaufgebaut hat, nicht nur im Bankenviertel, sondern auch in den Wohnvierteln. Das führt dazu, dass fast alle Versorgungseinrichtungen fußläufig zu erreichen sind. Natürlich hat Frankfurt auch ein vergleichsweise gut ausgebautes Schienennetz, das aber bei weitem nicht den Erschließungsgrad des (West-)Berliner Schnellbahnnetztes hat. Das krasse Gegenbeispiel ist Köln, das mit einem weitverzweigten Stadtbahnnetz einen fast identischen Modal Split aufweist wie Hamburg. Für mich zeigt die studie eher, dass auch ein gutes Verkehrsnetz die Fehler einer viel zu aufgelockerten und zerfransten Wohnbebauungsplanung nicht wirklich beheben kann. Ein gutes ÖPNV-Netz wird vor allem dort gut angenommen, wo auch eine entsprechend verdichtete Bebauung für kurze Zugangswege sorgt. Wer in einer endlosen Einzelhaussiedlung wohnt und zu "seiner" Haltestelle erstmal 15-20 Minuten zu laufen hat, der nimmt eher das Auto als derjenige, der die straßenbahn quasi vor der Tür hat. Nur sind das eben bei verdichteter Bebauung entsprechend mehr Leute als bei aufgelockerter Bebauung.
November 12, 2010

Westfale said:

0
Re.Zwiespältig
"Für mich zeigt die studie eher, dass auch ein gutes Verkehrsnetz die Fehler einer viel zu aufgelockerten und zerfransten Wohnbebauungsplanung nicht wirklich beheben kann."

Gerade Hamburg weist hier ein 'Sowohl-als-auch' auf. Neben aufgelockerter Bauweise im weiten Speckgürtel gibt es zahlreiche dichtbebaute Wohnquartiere im städtischen Verdichtungsraum: Emsbüttel, Hoheluft, Eppendorf, Winterhude, Barmbek usw. Alle sind sie durch die kilometerlangen Blechschlangen geparkter PKW geprägt. Einige dieser Stadtteile wurden mit der Abschaffung der Straßenbahn geradezu vom öffentlichen Personennahverkehr "abgehängt". Z.B. Eimsbüttel, das mit Stillegung der Linie 3 im Jahre 1973 ohne gleichwertige Ersatzbusverbindung verblieb. Jahrzehntelang endeten die Buslinien, die die Straßenbahnen seinerzeit erstzten, am Schlump oder am Bahnhof Sternschanze. Erst in den Neunzigerjahren wurde die Direktverbindung per Bus wiederhergestellt. Insgesamt kann jedoch gesagt werden, daß kein citynaher Hamburger Stadtteil über eine gleichwertige Erschließungsqualität durch öffentliche Verkehrsmittel verfügt, wie zu Zeiten eines flächendeckenden Straßenbahnnetzes. Die U-Bahn, deren Grundnetz am damaligen Straßenbahnnetz orientiert ist, soll im Verdichtungsraum die Aufgaben des Vorortverkehrs und des innerstädtischen Verkehrs gleichzeitig erfüllen. Dabei ist sie für den Kurzstreckenfahrgast wegen langer Zugangswege jedoch recht unattraktiv. Ähnlich ist es bei der S-Bahn. Weniger bauliche Sünden, als vielmehr die jahrelange grundsätzliche Ansicht der Hamburger Verkehrsplaner, der ÖPNV solle primär dem Pendlerverkehr gerecht werden, und was aus dem innerstädtischen Fahrgastpotenzial wird, ist egal, dürfte für den negativen Modal-Split in Hamburg ursächlich sein. Die mit der Wiedereiführung der Straßenbahn verbundene großartige Chance ist eine bedeutende Erhöhung der städtischen Lebensqualität. Man stelle sich einmal die schönen citynahen Wohngegenden vor, wenn sie nicht zugeparkt sind. Mit der Straßenbahn kann Hamburg nur an Attraktivität gewinnen.

November 14, 2010

W.K. said:

0
...
Wenn München trotz U und S Bahn alleine mit der Straßenbahn fast soviele Fahrgäste befördert, wie die Hamburger U Bahn und man davon ausgehen kann, dass sich Münchner nicht so viel mehr bewegen als die Hamburger muß, zeigt das zu was ein vernünftiger ÖPNV fähig ist, zudem muß der Autoverkehr in Hamburg entsprechend stärker sein.
Die Hamburger wurden über Jahrzehnte vom ÖPNV entwöhnt.
Und wenn man sich weltweit den Besetzungsgrad von Stadtbahnen ansieht, gerade auch der neu oder wiedererrichteten, weiß man wieviele Leute ihr Auto stehen lassen, wenn es einen vernünftigen ÖPNV gibt. Und es gibt ja rings um Hamburg genügend Beispiele von Hannover über Bremen bis Rostock und Schwerin, die das Tag für Tag beweisen. In Rostock hatte einst die DB gegen den Straßenbahnbau nach Lichtenhagen geklagt, da sie Angst hatte die Stadtbahn werde die Fahrgäste von der S Bahn abziehen.
Glücklicherweise war der Klage kein Erfolg beschieden. Heute sind S Bahn und Straßenbahn gut ausgelastet.
Und was dabei noch zu berücksichtigen ist, ist dass vielfach die Stadtbahn schon deshalb wirtschaftlich ist, da jedes Auto das nicht fährt, keine Straße benötigt und auch nicht verschleißt (erinnert sei nur an die Diskussion über die Winterschäden), keinen Unfall baut und keinen Parkplatz benötigt. Und diese Einsparungen sind bei den ganzen Berechnungen des Nutzens der Straßenbahn noch gar nicht einbezogen.
November 24, 2010

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