Freitag, 18. Mai 2012
   
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SPD contra Stadtbahn: Hau drauf - sogar auf politische Freunde

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Kommentar zur Podiumsdiskussion der SPD in Winterhude. Thema: Können wir uns die Stadtbahn leisten?


Von Harald Hohberg

Tatort Winterhude. „Guten Tag, ich komme aus Rahlstedt.“ Anschwellendes Gegrummel, Tonlage: Der hat hier gar nichts zu suchen! Mein Besänftigungsversuch „Ich habe jahrelang in Winterhude gearbeitet“ schlägt fehl. Zwar sinkt während meiner Einlassungen pro Stadtbahn die Phonstärke, doch auffällig viele Gäste der SPD-Veranstaltung verschränken jetzt demonstrativ die Arme vor der Brust. Auswärtige sind offensichtlich nicht unbedingt willkommen, wenn die SPD in einer Podiumsdiskussion provokant fragt: Können wir uns die Stadtbahn leisten?

„Wir brauchen endlich einen Autobahnring. Dann kommen nicht mehr alle durch Winterhude“, sagt eine Dame, die irgendetwas mit schlicht heißt. Ein anderer Senior verkündet aufgebracht: „Wir brauchen hier keine Steilshooper. Multi-Kulti ist endgültig tot.“ Da murren sogar ein paar Gesinnungsgenossen. Aber ach ja, dem Beobachter dämmert es: Wenn schon Stadtbahn, dann steckt man das einfache Volk aus der Nachbarschaft am besten abseits von Winterhude auf die Güterumgehungsbahn. Zur Entschuldigung sei angemerkt, Menschen haben immer Angst vor Veränderung, besonders ältere. Und im Saal verformte sich die Alterspyramide zum Atompilz. Entsprechend die Sorgen. Eine Dame aus der Ohlsdorfer Straße fragte: „Wie lange dauert ein Enteignungsverfahren? Erlebe ich das Urteil überhaupt noch?“

Eine Vorlage für Wolfgang Kopitzsch (SPD), Bezirksamtsleiter HH-Nord . Er gab sich als guter Freund von Hochbahn-Chef und Stadtbahnplaner Günter Elste aus. Wobei sich im weiteren Verlauf die Frage aufdrängte, ob solche Freundschaften ewig halten. Auf 40 Jahre Parteiarbeit für die SPD verwies Kopitzsch gewichtig. Da lernt man auszuteilen. Jedenfalls ließ er nichts aus, was die Stadtbahn behindern könnte. Als er die zu fällenden Bäume beklagte, kam ich drauf: Ob er den Kamin neuerdings mit Holz-Pellets befeuert? Der Auftritt bewies jedenfalls seine Wandlungsfähigkeit. Denn vor einem halben Jahr, bei einer CDU-Veranstaltung zum gleichen Thema am gleichen Ort hatte sich Kopitzsch noch eindeutig für die Stadtbahn ausgesprochen. Doch damals saß auch noch „sein Freund“ Elste mit am Tisch.

Dessen ungeachtet: Stars des Abends waren Herr und Frau Domres – die Hamburger Antwort auf die zu Guttenbergs? Sie sinngemäß: Jetzt müsse alles neu und schonungslos hinterfragt werden, alle Zahlen und Fakten müssten auf den Tisch. (Als wäre es nicht längst geschehen.) Was sie nicht sagte: Die SPD hatte die letzten 40 Jahre Zeit dafür. Herr Domres übernahm den Part des Moderators und offenbarte militärische Tugenden. Zackig im Tonfall, streng im Blick. So viel Führungsstärke gefiel dem Publikum.

Und dann war da noch als Gast Frau Gregersen, Verkehrsexpertin der GAL. Tapfer und unermüdlich belegte sie alle Argumente pro Stadtbahn mit Fakten und Zahlen, doch die wollte an diesem Abend kaum jemand hören. Ihr Trost: In Bramfeld und Steilshoop hat sie die Menschen auf ihrer Seite – die jungen sowieso und auch die alten.

Harald Hohberg
(Am Tag der Veranstaltung 57 Jahre alt)

Kommentare (3)add comment

W. K. said:

0
SPD = Sonderbarste Partei Deutschlands
Einst versprach die SPD viele neue U Bahnstrecken und hat dafür vorsichtshalber schon einmal die Straßenbahn abgeschafft. Man war ja so modern wie Paris, London und West Berlin. In allen drei Städten fahren heute wieder Straßenbahnen. Die schönen neuen U Bahnen gibt es nicht, außer bald der U 4 als Transitubahn ohne Halt in der Stadtmitte. Da zählt das Geld nicht und auch nicht der Verkehrswert. Ganz anders ist es bei der Straßenbahn. Die Hamburger SPD ist fast so flexibel wie die in Stutgart, wir sind eigentlich für den Bahnhof/die Stadtbahn aber auch ein wenig dagegen. So sinkt man auf 25 % Wählerzustimmung. Und leider liegt die GAL in Hamburg auf derselben Linie. Deshalb nimmt sie ja auch am bundesweiten Aufschwung der Grünen nicht teil. Und damit, dass die CDU die Speerspitze der Stadtbahnfreunde wird, konnte nun wirklich niemand rechnen. Es ist schon beachtlich, dass sie als einzige Partei die Stadtbahn immerhin noch für sinnvoll, nach ihren Prestigeprojekten von Hafenoper bis U 4 allerdings nicht mehr für finanzierbar hält.
November 01, 2010

André Loop said:

0
Die U-Bahn wurde erweitert
Als Bürgermeister Klose die Straßenbahn 1978 abgeschafft hat, wurde eine moderne U-Bahn versprochen. Verlängert wurde die U2 von Hagenbecks Tierpark nach Niendorf-Nord und die U3 von Merkenstraße nach Mümmelmannsberg. Das war's dann auch schon. Deshalb sollte man Versprechen von Politikern immer skeptisch begegnen. Die FDP wollte ja auch die Steuern senken....
Wenn jetzt die Stadtbahn versprochen wird, gilt das genauso.

Beste Grüße
André
November 05, 2010

Thorsten Bartel said:

0
SPD
Naja, was will man auch von einer Partei erwarten, in der es schon immer gang und gäbe war, die eigenen Genossen zu stürzen. Zudem kommt, das die SPD sich ja nun in den letzten Jahren so ziemlich von allem verabschiedet hat, was sie einmal als sozialdemokratische Partei ausgemacht hat. Ebenso wie sie es niemals in HH eingesehen hat, das die Abschaffung der Straßenbahn ein großer Fehler war, für den Hamburg jetzt teuer bezahlt und für den sie alleine die Verantwortung trägt, so ist sie heute nicht bereit, ihren Fehler zu korrigieren.

Diese Partei hat sich - wohlverdient - ins politische Aus geschossen und ich freue mich über jeden Sozialdemokraten, der heute bei den "Linken" ist. Da die SPD aber vermutlich auch daraus nicht lernen wird, ist ihr der politische Untergang bzw. das Düpeln bei 10 - 20 Prozent in der Bundespolitik gewiss.

Kleiner Trost : auch FDP und CDU werden für ihre Politik und Ihren Politikstil irgendwann bezahlen. Die Leute wachgen langsam auf. Die Zukunft wird den Grünen und den Linken gehören, vielleicht auch nochj einer sich neu ethablierenden Partei am rechten Rand.

Aber noch einmal zur Stadtbahn. Ein herzliches Dankeschön an Hamburg, das ja die Stadtbahn nicht will. Danke sagen Bremen, Hannover, Heidelberg, Stuttgart und München. Andere sicherlich auch. Kiel und Lübek werden davon auch profitieren. Danke, Hamburg!
November 11, 2010

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