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Scheuerl: Eine Stadtbahn kann grundsätzlich sinnvoll sein
Scheuerl: Eine Stadtbahn kann grundsätzlich sinnvoll sein
Montag, den 25. Oktober 2010 um 19:35 Uhr

Schulreform-Gegner Walter Scheuerl übt Kritik an der geplanten Stadtbahnstrecke und bringt mögliche Alternativen ins Gespräch. Außerdem verrät er, wie er mit dem Projekt umgehen würde, falls er mit einer eigenen Partei 2012 in die Hamburger Bürgerschaft einzieht.
Christian Hinkelmann sprach mit ihm über seine Ansichten zur umstrittenen Stadtbahn.
Hinkelmann: Herr Scheuerl, wann sind Sie zuletzt in Hamburg mit dem Bus gefahren?
Scheuerl: Heute Morgen. Ich fahre jeden Morgen mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Innenstadt zur Arbeit. Außerdem bin ich für die Veranstaltungen unseres Volksentscheids („Wir wollen lernen“, Anm. d. Red.) regelmäßig mit Bus und Bahn kreuz und quer durchs ganze Stadtgebiet gefahren.
Hinkelmann: Ist Ihnen dabei etwas aufgefallen, was Sie im Hamburger Nahverkehr verbessern würden?
Scheuerl: Es gibt bestimmte Strecken in Hamburg die sehr belastet sind – fast unabhängig von der Uhrzeit. Andere sind wiederum fast leer. Und das ist natürlich auch mit Blick auf die von der GAL gewünschte Stadtbahn eine interessante Frage: Ist die Streckenführung, die gegenwärtig geplant ist, sinnvoll und besteht dort für diese Strecke wirklich genug Nachfrage. Das muss man nochmal prüfen. Wir haben im Moment das Gefühl, dass die Stadtbahn möglicherweise ein grünes Prestigeprojekt sein soll, was an den konkreten Bedürfnissen der Hamburger vorbeigeht. Ich sehe z. B. eher Bedarf an einer Stadtbahn-Strecke durchs Uni-Viertel. Dort sind die langen Busse wirklich überfüllt.
Hinkelmann: Das bedeutet, Sie lehnen die Stadtbahn nicht generell ab?
Scheuerl: Richtig. Straßenbahnen, die mit Strom statt mit Diesel/Erdöl betrieben werden und die energieeffizienter sind als Busse, können ja grundsätzlich durchaus sinnvoll sein.
Hinkelmann: Was spricht denn dagegen, Steilshoop per Stadtbahn ans Schienennetz anzubinden?
Scheuerl: Dass die Menschen zwischen Steilshoop und Altona pendeln, bezweifele ich. Tendenziell ist es ja eher so, dass die meisten Menschen in Richtung Innenstadt und zurück fahren. Eine Streckenführung Richtung Innenstadt ist deshalb – vorbehaltlich konkreter Verkehrszählungen - aus meiner Sicht grundsätzlich zu bevorzugen. Wenn man öffentliches Geld in die Hand nimmt, muss man sehen, dass es möglichst effizient eingesetzt wird. Man muss damit für möglichst viele Menschen etwas bewegen können.
Deswegen würde ich mir wünschen, dass wir die aktuell geplante Streckenführung noch einmal hinterfragen und gucken, ob es wirklich nötig ist, dort für viele Millionen Steuergeld die Busse durch Stadtbahnen zu ersetzten.
Hinkelmann: Eine Kosten-Nutzen-Analyse des CSU-geführten Bundesverkehrsministeriums hat vor wenigen Tagen ergeben, dass die geplante Strecke zwischen Bramfeld und der Kellinghusenstraße volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Der Nutzen ist demnach größer als die Kosten.
Scheuerl: Wenn das eine aktuelle Berechnung ist – ich kenne sie bisher nicht – dann ist das schon mal ein Ansatz, zu sagen, dass es sich lohnt, dort zu investieren. Die Frage ist nur, ob es nicht trotzdem noch bessere Streckenführungen gibt.
Was uns im Moment außerdem Sorge macht, ist, dass Stadtentwicklungssenatorin Hajduk zwar einen Großteil der Kosten mit Zuschüssen des Bundes finanzieren möchte. Erklärtermaßen hat sie aber Ihre Hausaufgaben nicht gemacht, denn zwei Jahre nach Verkündung der ersten Pläne ist noch immer kein Antrag mit konkreten Unterlagen und Kalkulationen in Berlin eingereicht worden. So ist im Moment noch völlig unsicher, ob die Fördermittel des Bundes überhaupt zur Verfügung stehen.
Hinkelmann: Nun ist es aber so, dass konkrete Anträge auf Fördergeld erst eingereicht werden können, nachdem es eine positive Kosten-Nutzenrechnung gegeben hat. Diese ist ja erst vor wenigen Tagen vom Bundesverkehrsministerium erstellt worden.
Scheuerl: Wenn das so ist, umso besser. Aber: Das hätte doch alles schon seit langem in der Stadtentwicklungsbehörde von Frau Hajduk vorbereitet werden können.
Hinkelmann: Angenommen, Sie gründen wirklich eine eigene Partei und ziehen bei der nächsten Bürgerschaftswahl 2012 in den Hamburger Senat ein. Was würde aus dem Stadtbahnprojekt werden?
Scheuerl: Wenn es wirklich dazu kommt, würden wir die Stadtbahn auf jeden Fall noch einmal auf den Prüfstand stellen und die konkrete Streckenführung anhand von Umfragen in den Stadtteilen und Verkehrszählungen hinterfragen.
Hinkelmann: Herr Scheuerl, vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person:
Walter Scheuerl, Jahrgang 1961, arbeitet als Rechtsanwalt in Hamburg. Mit dem von ihm initiierten und erfolgreichen Volksentscheid gegen die Hamburger Schulreform hat er eindrucksvoll bewiesen, dass politische Entscheidungen gegen den erklärten Willen der Bürger heutzutage schwer möglich sind.
Christian Hinkelmann, freier Journalist, arbeitet hauptsächlich für den Norddeutschen Rundfunk und engagiert sich für die Bürgerinitiative „Stadtbahn JETZT“!“
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Kommentare (5)

Jan
said:
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Interessantes Interview Danke für das Interview. Das ist wirklich interessant. Und wirklich nicht so undifferenziert, wie ich es erwartet habe. Man sieht auch, dass man das geplante Zielnetz in der Kommunikation viel stärker in den Vordergrund rücken sollte, denn die Strecke Bramfeld-Kellinghusenstraße ist ja nicht der Selbstzweck, sondern nur der Einstieg in ein größeres Netz. Die Einstiegsroute ist auch kommunikativ schwierig, weil viele die beiden Metrobuslinien (26 und 20), die sie teilweise ersetzt, nicht kennen - im Gegensatz zum Beispiel zum Metrobus 5 am Grindel, den Scheuerl ja als sinnvoller anführt. Was sind denn die Erfahrungen auf den Linien 20 und 26? Wie ausgelastet sind die denn? Und es muss kommuniziert werden, dass der Betriebshof natürlich integriert werden muss, um einen weiteren Ausbau ermöglichen zu können und warum er gerade da liegen soll, wo man ihn jetzt plant. |
Oktober 27, 2010
Incentro
said:
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Prüfen, prüfen und nochmal prüfen ... Ich finde es bemerkenswert, dass von der aktuellen Regierung verlangt wird sich selbst zu übertreffen (exakte Baukosten bevor überhaupt klar ist, wo, wie gebaut wird oder Fördergelder zu beantragen bevor klar ist, was das ganze kosten wird) aber Herr Scheuerl (im Falle einer Bürgerschaftsbeteiligung) erstmal selbst auf die Bremse treten und alles nochmal von vorn durchkauen würde. Strecken in die Innenstadt gibt es (sieht man mal vom Bus M5 ab) mit den vorhandenen U- und S-Bahn-Linien reichlich. Was Hamburg fehlt sind starke periphere Linien außerhalb des U3-Ringes. Die Busse auf diesen Relationen sind heute nicht übervoll, da es schneller geht mit U- und S-Bahn den Umweg über den Hauptbahnhof zu nehmen. |
Oktober 27, 2010
Emma
said:
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... Ich muss mich meinem Vorredner anschliessen. Es ist m.E. nicht nachzuvollziehen, wie man der jetztigen Regierung vorwerfen kann 'nicht zuegig zu Arbeiten' aber man gleichzeitig im Falle einer Regierungsbeteiligung 'erstmal Preufen' moechte. Das passt nicht zusammen. Die Strassenbahn ist bereits geprueft. Ihre Trasse ist schon das Ergebnis eines Abwaegunngsprozesses, der alle moeglichen Faktoren beureucksichtigt: Verkehrsaufkommen, Lage im spaeteren Gesamtnetz, Baukosten, techische Machbarkeit, Lage des Betriebshofes. Zudem hat eine standardisierte (Das Wort standardisiert ist hier sehr wichtig!) Berwertung des Projektes einen postive Kosten/Nutzen Saldo ergeben. Zudem kann man den Nutzen einer Strecke nicht einzig an ihren Endpunkten festmachen. 'Scheuerl sagt: Dass die Menschen zwischen Steilshoop und Altona pendeln, bezweifele ich' Mit Recht! Nur ergeben sich sowohl schon beim ersten Abschnitt als auch spaeter im Gesamtnetz durchaus hoechst sinnvolle Teilstrecken. Die in Hamburg am staerkesten frequentierte S-Bahn ist die S3. Deren Verkehrlicher Nutzen besteht auch nicht darin massive Fahrgaststroeme von Neugraben (geschweige denn Stade) nach Pinneberg zu bringen. Genausowenig wollen Muemmelmannsberger nach Niendorf. Ich wette, dass es zahlreiche U2 Zuege gibt in denen kein Einziger Fahrgast von einem Ende der Strecke zum anderen faehrt. Ebenso ist es mit der Stadtbahn, die ein ideales Verkehrsmittel fuer Hamburg sein wird. Ihr einziger, voruebergehender Schoenheitsfehler ist die Tatsache, dass aus technischen (Betriebshof) und politischen Gruenden nicht die dringenste Strecke (Metrobus 5) zuerst gebaut wird, sondern als zweites. Das heisst jedoch nicht die erste Strecke waere sinnlos oder unnoetig. |
Oktober 27, 2010
W.K.
said:
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Rechtsanwalt folgt Amtsrichter Offenbar ist ja die neue Liohtgestalt Hamburger Politik nach dem koksenden Amtsrichter Schill, nun ein Rechtsanwalt. Nach Hamburger Erfahrungen könnte er tatsächlich ein beachtliches Wahlergebnis erreichen. Wer etwas von Schulen versteht, versteht auch etwas von Stadtbahn. Und wie wandelbar Rechtsanwälte sind hat ja gerade sein Kollege Voscherau von der SPD hinsichtlich Stadtbahn bewiesen. Allerdings scheint der Spezialist für Volksbegehren doch etwas realistischer zu sein als sein justiziarer Vorgänger vom Amtsgericht. Vielleicht sollte man allerdings analog der Turmspitze des Stutgarter Hbf versuchen, die Stromabnehmer der Stadtbahn in Form von Mercedes Sternen zu formen. Das wäre für das Projekt, insbesondere für die Zustimmung gewsser Kreise sicher hilfreich. |
Dezember 07, 2010
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